Der Tag wurde von Dir gerettet. Von Deiner Wärme, Deiner Zuneigung, Deiner Mail. Ich hätte mich nie getraut, mit so viel zu rechnen, so viel erwarten zu dürfen - und Du hast mich mit mehr beschenkt, als ich erwarten konnte, als ich erwartet habe.
Freitag werde ich mittags dann wieder aufgenommen. Eine neue Therapeutin, wieder einmal ein anderes Setting. Traue ich mich, um eine weitere / neue Diagnostikphase zu bitten? Traue ich mich, sie zu fragen, ob sie mit mir gemeinsam die unterschiedlichen Probleme und Ursachen differenziert?
Nach diesem Anruf führte ich meine Nachhilfestunde zu einem Ende, dann führte mich die Notwendigkeit zu meinem "Haus"arzt, den ich damit zum zweiten Mal überhaupt hier in Kiel frequentierte. Eine Stunde Wartezeit, dann zehn Minuten sehr lockeres Gespräch über die Sinnlosigkeit der deutschen Bürokratie, und ein in meinen Augen sehr faires Angebot, daß er mir gern und problemlos Kopien der Berichte aus der Klinik mitgibt. Mit dieser Möglichkeit und einer Einweisung verließ ich die Praxis dann wieder, Nervosität und Aufregung wegen Freitag im Bauch.
Und dann - seine Mail. Mein Tag war gerettet, und in die Furcht vor dem (letzten?!) Klinikaufenthalt ist nun Freude gemischt. Das ist zwar alles eigentlich nicht therapeutisch relevant, und meine Motive sind nicht, wie sie eigentlich bei Klinikaufenthalten sein sollten, aber das ist mir egal, wenn ich jetzt zumindest (hoffentlich) ohne übergroße Angst dort hingehe. Die Alpträume jede Nacht reichen mir eh schon.
mondstreif - 21. Jul, 23:32
Es kann so unglaublich schwierig sein, aus alten Mustern auszubrechen. Eigentlich fasziniert es mich fast selbst, daß ich so töricht immer und immer wieder die gleichen Wege austrete, statt einen neuen zu prägen - doch die Überlegungen, welche an den Wegweisern gleich mit angebracht sind, bleiben überzeugend, und so suchen sich meine Füße selbst die bekannte Straße.
Es gibt keinen Grund, sich darüber zu beklagen, daß man niemanden hat, der einem zuhören würde. Ich weiß, daß es eine Lüge wäre, so etwas zu behaupten, denn sogar mein Verstand ist sich dessen bewusst, daß all die Angebote in diese Richtung ernst gemeint sind und waren. Ebenfalls würde ich mich selbst betrügen, wenn ich behaupten würde, daß ich einfach nicht artikulieren kann, was mich lähmt - und es wäre eine falsche Prophezeiung, sich jetzt wieder hinauszureden, daß eh niemand helfen kann. Das kann ich nicht wissen, über die Zukunft habe ich keine Sicherheit.
Und dennoch bleibt immer noch bestehen, daß ich mich zurückziehe und zunehmend isoliere, desto schlechter es mir geht. Ich werde depressiver? Statt darüber zu reden, schweige ich. Schreibe keine Mails mehr an die Menschen, denen ich am Herz liege, vermeide Treffen mit Kommilitonen. Um Rat zu fragen, bleibt eine unüberwindliche Hürde - desto mehr mich jemand und ich jemand mag, desto größer ist die Hemmung, da zuzugeben, daß nicht alles gut ist. Ich will da nicht als Jammerlappen, als Übertreiber dastehen, will keine Sorgen verursachen, ja, fühle mich ihm gegenüber schlecht, daß es mir nicht gut geht, wo ich doch ihn habe.. Um ihn aber auch nicht anlügen zu müssen, vermeide ich den Kontakt, und die Spirale dreht sich abwärts...
Ehrlich, T., Du bist wirklich wahnsinnig klug. Dämlich trifft es wohl eher..
mondstreif - 7. Jul, 12:57
... bekomme ich eigentlich immer kurz vor Semesterende den blues? Dabei ist das faktisch nie unpraktischer - jetzt müsste ich lernen, arbeiten, unterwegs sein, mich auf die Klausuren vorbereiten. Und was tue ich? Sinnlos antriebslos zuhause sitzen und die Tage bzw Nachmittage verdämmern. Wieder ist ein Tag quasi vorbei, ohne daß ich auch nur einmal etwas für die Uni getan habe... Grade die Hausarbeit, dafür reicht es noch, aber für mehr? Sogar Tshirts gebügelt habe ich... Sinnlosigkeit.
Und dann die Gedankenspielereien - dieser Anruf... "T., was machst Du am Freitag? Und die 14 Tage danach? Lust auf eine Fahrt von Gdynia über St. Petersburg nach Helsinki? Ich brauche einen Kombüsengehilfen..."
Wären da nicht die Klausuren, wäre da nicht die Uni, nichts würde mich halten. Tall-Ships'-Race auf der S. Seute Deern, als Kombüsengehilfe für nada.
Ich würde so gern einfach fahren, alles hinter mir lassen, mich im Horizont, im Himmel, im Meer verlieren. September ist noch weit weg, leider...
mondstreif - 30. Jun, 17:50
Es hat sich gelohnt. Ein Wagnis eingegangen, die Angst 'runtergeschluckt, und zum ersten Mal mich getraut, über meinen eigenen Schatten zu springen.
Um Hilfe gebeten.
Und nicht enttäuscht worden... Und damit hatte H. dann schon wieder einmal Recht - wenn ich es einmal geschafft habe und erfahre, daß es hilft, daß ich das darf, daß ich nicht abgelehnt, verletzt oder enttäuscht werde, wird mir das unsagbar gut tun.
Ich bin so erleichtert und froh.. Schon faszinierend. (-;
mondstreif - 14. Jun, 12:49
..
vom vielen denken.
vom vielen planen.
von zu vielen Hindernissen.
von zu viel träumen.
von zu viel wünschen.
von zu viel Einsamkeit, grade.
"Früher" konnte ich fliehen - in die Störung, in die Stereotypen. Ich konnte mich hinter den Wänden verstecken, die mir durch die Diagnose gegeben worden waren. Wenn ich nicht mehr konnte, war da die Möglichkeit, mit dieser Diagnose, mit der Flucht in die Krankheit Verantwortung abzugeben. Mir in einer Klinik Hilfe zu suchen, auch wenn ich sie nicht dort fand - es war eine Auszeit.
Und jetzt? Ich kann mir nicht mehr vorlügen, daß ich auf einer Akutstation Hilfe finde. Ich kann mir nicht mehr vormachen, die Störung rechtfertige rückfälliges Verhalten, die Störung rechtfertige Resignation.
So sehr ich diesen Stempel, die Stigmatisierung auch gehasst habe, sie bot Entschuldigungen. Und genau die fehlen mir jetzt - gar nicht mal vor anderen.. Vor mir selbst kann ich Versagen, Vermeidungen, Dummheiten nicht mehr verteidigen.
Ich schwanke zwischen so vielen Gefühlen und damit verbundenen Gedanken, Selbstbildern - zwischen unendlich stark und furchtbar schwach, zwischen groß und klein, zwischen erwachsen und kindlich, zwischen selbstbewusst und sehr unsicher. Mal bin ich vernünftig und kompetent, mal völlig überfordert und hilflos.
Krise, irgendwie, und gleichzeitig auch nicht. Wie sehr mich so ein bescheuerter Brief destabilisiert.... -.-
Mosyone - 13. Jun, 20:03
Ich muss Gedanken sortieren, so vieles schießt mir durch den Kopf - und handschriftlich kann ich es nicht mehr. Schreibblockade, Denkstörungen - ich kann es nicht notieren. Also nutze ich diesen vergessenen, abgelegenen, kaum bekannten Ort, um meine Spinnereien festzuhalten, meine überbrodelnden Gedanken zu sortieren.
Chocolat - ich sehe oftmals DVDs zum essen oder zum entspannen, abends, als Ablenkung. Desto mehr Zeit ich mir ansonsten zum denken gebe, desto destruktiver wird es.
Mit den neuen Erfahrungen, mit dem neuen "Wissen" heute beginnt sich alles in meinem Leben zu drehen, alles muss neu überdacht werden - mir ist der Boden unter den Füßen weggebrochen, ich bin einen Meter oder mehr oder weniger gefallen und auf gänzlich neuem Terrain gelandet - und nun muss ich die Bruchstücke meiner Gedanken, Gefühle, Handlungen, Vergangenheit sichten und sortieren, vielleicht einordnen, vielleicht gänzlich zerbrechen. Ordnen, mich selbst neu finden... Was bin ich, was ist die Störung, die ich in Anteilen wohl habe, was ist angenommen?
Sage einem Menschen über Jahre hinweg, daß er eine Kuh ist, eines Tages wird er zu muhen anfangen. Wieviel von meinen Symptomen habe ich angenommen, um mich - wieder einmal - anzupassen?
Zurück zu meiner Erkenntnis. Plötzlich erklärt sich auch, warum ich mich mit Beziehungen so unsagbar schwer tue.. Die Stimmungsschwankungen, die Sensibilität, all die Gedanken - und dazu noch die Problematik, daß es noch schwerer für mich ist als für andere, einen Partner zu finden, der mir gleichwertig ist. Mit dem ich reden kann, streiten kann, diskutieren kann. Das erklärt auch, warum ich mich von so vielen so viel älteren Männern angezogen fühle - die sind reifer, haben mehr Wissen, mehr Erfahrungen. Gleichaltige - sind nunmal nichts für mich.
Ein Segen? Ein Fluch. Ein Segen?
mondstreif - 12. Jun, 23:46
La Muse
(à Hoffmann)
Des cendres de ton cœur, réchauffe ton génie,
Dans la sérénité, souris à tes douleurs!
(Hoffmann sort de son immobilité. Il s'est redressé et écoute.)
La Muse apaisera ta souffrance bénie.
Chœur des esprits invisibles
On est grand par l'amour et plus grand par les pleurs!
(La Muse disparaît. Hoffmann tombe ivre mort sur une table.)
aus: Les Contes d'Hoffmann von Jacques Offenbach
mondstreif - 17. Sep, 16:31
_ich hatte beinahe vergessen, wie schön das ist_
mondstreif - 16. Sep, 23:17
mondstreif - 16. Sep, 13:38